Dresden schützt sich vor der Elbe nicht in erster Linie mit Mauern, sondern mit Platz. Weite Wiesen, ein alter Elbarm und zwei künstliche Flutrinnen nehmen bei Hochwasser Wasser auf und leiten es an der Stadt vorbei. Ergänzt wird das seit 2002 durch Mauern, Tore und Deiche an einzelnen Stellen. Dieser Beitrag erklärt das System nach den Unterlagen der Stadt.
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Das Prinzip: der Elbe Platz geben
Der frühere Leiter des Umweltamts, Christian Korndörfer, beschreibt das Dresdner System so: Oberhalb des Stadtzentrums nehmen weite Auen und trocken gefallene Altelbarme eine Flutwelle aus Tschechien auf und lassen sie breit laufen. Unterhalb sorgen zwei Flutrinnen dafür, dass der Fluss mehr Querschnitt hat und das Wasser schnell abfließt.
Die Stadt Dresden beschreibt, was dabei passiert: Bei Hochwasser der Elbe werden „ab bestimmten Wasserständen die Flutrinnen Großes Ostragehege und Kaditz sowie der Altelbarm zwischen Zschieren und Tolkewitz zunächst eingestaut und dann durchströmt“.



Die Flutrinne Großes Ostragehege
Laut Umweltausstellung der Stadt entstand die Flutrinne im Großen Ostragehege zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Baus des Alberthafens und der Aufschüttung der Schlachthofinsel. Vorher stand im Ostragehege eine viel größere Überflutungsfläche zur Verfügung, wie Karten des Hochwassers von 1845 zeigen. Die verbliebene Fläche wurde so profiliert, dass das Wasser bei Hochwasser schneller aus dem Stadtzentrum abfließt.
Heute liegen in und an der Flutrinne die Messe Dresden und der Sportpark Ostragehege. Nach 2002 wurde die zerstörte Eissporthalle beseitigt und an einem hochwasserfreien Standort neu gebaut. Die Sportanlagen wurden so umgestaltet, dass weniger feste Einbauten im Weg stehen und Hindernisse wie Zäune quer zur Strömung bei Hochwasser entfernt werden können. Wie wichtig das ist, zeigte 2013: Zäune, die nicht abgebaut worden waren, wurden laut Bericht der Stadt durch Querströmungen stark beschädigt, ebenso Kunstrasenplätze.
Die Flutrinne Kaditz
Die Flutrinne Kaditz hatte laut Stadt vor allem einen anderen Zweck: Mit den Eingemeindungen von 1903 sollte im Bereich der früheren Dörfer Kaditz, Übigau und Mickten hochwasserfreies Bauland entstehen. Gebaut wurde die Rinne von 1918 bis 1921 und von 1925 bis 1929 verbreitert. Ihre Hochufer, teils aus dem Aushub aufgeschüttet, hielten das anliegende Land bis August 2002 trocken.
2002 reichte das nicht mehr. Laut Umweltatlas kam es in Kaditz, Mickten, Trachau und Übigau zu großflächigen Überschwemmungen, wegen der ungenügenden Schutzwirkung der nördlichen Begrenzung der Kaditzer Flutrinne und eines Dammbruchs an der Washingtonstraße.
Seit August 2010 baute die Landestalsperrenverwaltung Sachsen deshalb eine neue Hochwasserschutzlinie zwischen Leipziger Straße und Altkaditz. Laut Landestalsperrenverwaltung (Stand März 2013) ist sie etwa vier Kilometer lang, soll Pieschen, Trachau, Mickten und Altkaditz vor einem Hochwasser schützen, wie es statistisch alle 100 Jahre vorkommen kann, und kostet rund zwölf Millionen Euro. Für den Abschnitt am Ballhaus Watzke beschrieb die Landestalsperrenverwaltung 2011 eine etwa 900 m lange Mauer mit 1,10 m sichtbarer Höhe, die bei drohendem Hochwasser mit mobilen Elementen auf etwa 1,80 bis 2,00 m erhöht wird. Im Modell der Stadt von 2017 ist die Schutzlinie nördlich der Flutrinne Kaditz enthalten.


Was nach 2002 verbessert wurde
Nach 2002 folgte die Stadt laut Umweltausstellung dem Grundsatz, „dem Fluss wieder mehr Raum“ zu geben. Der Bericht der Stadt zum Hochwasser 2013 zählt auf:
- Abfluss verbessern: die alten Eisenbahnbrücken in beiden Flutrinnen zurückgebaut, die Brücke der Sternstraße über die Flutrinne Kaditz neu und höher gebaut, große Teile der Kleingärten im Ostragehege östlich der Pieschener Allee verlagert, Ablagerungen am Königsufer zwischen Albert- und Marienbrücke beseitigt, Acker in der Flutrinne Ostragehege in Dauergrünland umgewandelt.
- Altstadt und Friedrichstadt schützen: Festungsmauern ertüchtigt, neue Mauern mit mobilen Elementen, zwei Hochwasserschutztore am Ostra-Ufer und in der Weißeritzstraße.
- Abwasser und Grundwasser: das Hochwasserpumpwerk Johannstadt, die Sanierung des Altstädter Abfangkanals und ein neues Online-System zur Grundwasserbeobachtung.
Besonders sichtbar sind laut Stadt die Hochwasserschutzmauern entlang des Sächsischen Landtags und des Kongresszentrums. Die Wirkung der Beräumung lässt sich beziffern: Für die Beseitigung der Ablagerungen und weiterer Hindernisse ergab die Modellierung laut Korndörfer eine Senkung des Scheitels um etwa 50 cm im Innenstadtbereich.
Wie gut hat das funktioniert?
Korndörfer schreibt, das Dresdner System aus Auen, Altelbarmen, zwei Flutrinnen und einem Polder sei für 817 cm am Pegel Dresden ausgelegt gewesen und habe 2002 bis etwa 870 cm funktioniert. Darüber kam es zu großflächigen Ausuferungen, Quer- und Parallelströmungen und Deichbrüchen.
2013 zeigte sich der Fortschritt. Laut Bericht der Stadt wurde das Stadtzentrum bei 878 cm „vollständig geschützt“, auch Friedrichstadt, Pieschen (bis auf die Flächen zwischen Elbe und Leipziger Straße) und Kaditz blieben trocken. Die Kläranlage Kaditz konnte mit zusätzlichen Abwehrelementen der Stadtentwässerung gehalten werden; der bestehende Deich allein hätte nicht gereicht.
Wo der Schutz an Grenzen stößt
Nicht alle Stadtteile lassen sich schützen. Der Bericht der Stadt von 2014 hält fest, dass weite Teile des Dresdner Ostens, etwa Zschieren und Meußlitz/Kleinzschachwitz, „auch langfristig nicht mit angemessenen Mitteln baulich-technisch geschützt werden“ können. Für Laubegast wurde damals ein Schutz geplant; der Stadtteil wird laut Bericht ab etwa 7,50 m am Pegel Dresden zur Insel. Die Stadt nannte als weitere Ziele die Verlagerung von Kleingärten aus dem Altelbarm und höher gelegte Zufahrtsstraßen.


Kleinzschachwitz
Kleinzschachwitzer Ufer
689 cm unter der Schwelle
Dazu kommt, was keine Mauer verhindert: steigendes Grundwasser. Laut Bericht stieg es 2013 parallel zur Elbe; am 4. Juni zeigten bereits 90 Prozent der städtischen Messstellen steigende oder stark steigende Werte. Was das für Keller bedeutet, steht im Beitrag Verhalten bei Hochwasser in Dresden.
Häufige Fragen
Welche Flutrinnen hat Dresden?
Zwei: die Flutrinne im Großen Ostragehege, entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Bau des Alberthafens, und die Flutrinne Kaditz, gebaut 1918 bis 1921 und 1925 bis 1929 verbreitert. Dazu kommt im Osten der Altelbarm zwischen Zschieren und Tolkewitz.
Wann wird die Flutrinne Kaditz geflutet?
Laut Stadt Dresden werden die Flutrinnen ab bestimmten Wasserständen zunächst eingestaut und dann durchströmt. Nach dem Modell der Stadt liegen erste Teile der Flutrinne Kaditz ab 400 cm am Pegel Dresden in der potenziell überschwemmten Fläche, große Teile ab 550 cm.
Ist Dresden vor Hochwasser geschützt?
Teilweise. 2013 blieben Stadtzentrum, Friedrichstadt und Kaditz bei 878 cm trocken. Teile des Ostens wie Zschieren und Kleinzschachwitz können laut Stadt auch langfristig nicht mit angemessenen Mitteln baulich geschützt werden.
Was schützt die Hochwasserschutzlinie Kaditz?
Laut Landestalsperrenverwaltung die Stadtteile Pieschen, Trachau, Mickten und Altkaditz vor einem Hochwasser, wie es statistisch alle 100 Jahre vorkommen kann. Die Linie ist etwa vier Kilometer lang.
Quellen
- Landeshauptstadt Dresden – Pegelstände und Alarmstufen
- Landeshauptstadt Dresden – Umweltausstellung: Hochwasserschutzlinie Pieschen bis Kaditz, Flutrinne Kaditz und Flutrinne Großes Ostragehege (Juli 2012)
- Dr. Christian Korndörfer – Zur Bedeutung der Flutrinnen in Dresden für den Hochwasserschutz (Nachtrag, August 2021, veröffentlicht von der Stadt Dresden)
- Landeshauptstadt Dresden – Umweltbericht 2013: Bericht zum Junihochwasser in Dresden (Stand 04.03.2014)
- Landeshauptstadt Dresden – Ausstellung „Dresden – 10 Jahre nach der Flut“ (Faltblatt, August 2012)
- Landestalsperrenverwaltung Sachsen – Neuer Hochwasserschutz für Elbanwohner von Kaditz bis Pieschen (Medieninformation, 20.04.2011)
- Landestalsperrenverwaltung Sachsen – Informationen zur neuen Hochwasserschutzlinie Kaditz (Medieninformation, 20.03.2013)
- Landeshauptstadt Dresden – Umweltatlas, Karte 4.38: Elbe – potentiell überschwemmte Flächen (Mai 2019)
- Landeshauptstadt Dresden – Umweltatlas, Karte 4.13.1: Hochwasser 2002 – tatsächlich überschwemmte Flächen (Juni 2005)
Die Darstellung dient der Information. Bei Hochwasser- und Gefahrenlagen gelten die Warnungen und Anweisungen der zuständigen Behörden.

